Tiere können nicht sagen, wo es weh tut. Eine Blutuntersuchung macht deshalb Vorgänge im Körper messbar, die von außen nicht erkennbar sind – oft lange, bevor ein Tier sichtbar krank wird. Aber was steckt hinter den Zahlenkolonnen auf dem Laborbericht?
Wann eine Blutuntersuchung sinnvoll ist
- Vorsorge: Mit zunehmendem Alter können regelmäßige Blut- und gegebenenfalls Urinuntersuchungen sinnvoll sein. Ab welchem Alter und in welchem Abstand, hängt von Tierart, Rasse, Vorerkrankungen und individuellen Risiken ab. Ein jährlicher Check ab etwa sieben Jahren und kürzere Abstände bei Senioren sind Empfehlungen unserer Praxis, keine starre allgemeine Altersgrenze.
- Vor einer Narkose: Die Untersuchung kann zum Beispiel Blutarmut, Entzündungszeichen oder Organwertveränderungen erkennen. Sie unterstützt damit die Risikoeinschätzung und die Anpassung des Narkoseprotokolls, garantiert aber keine risikofreie Narkose.
- Bei unklaren Symptomen: Mattigkeit, Gewichtsverlust, vermehrtes Trinken oder wiederkehrender Durchfall – Laborwerte helfen, mögliche Ursachen einzugrenzen.
- Zur Verlaufskontrolle: Bei chronischen Erkrankungen wie Nierenleiden, Diabetes oder Schilddrüsenstörungen machen regelmäßige Messungen die Therapie steuerbar.
Das Blutbild: die Hämatologie
Das große Blutbild – fachlich Hämatologie – zählt und beurteilt die zellulären Bestandteile des Blutes. Drei Zelltypen stehen im Mittelpunkt:
Rote Blutkörperchen (Erythrozyten) transportieren mithilfe des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin den Sauerstoff. Beurteilt werden ihre Zahl und der Hämatokrit, also der Anteil der roten Zellen am Blutvolumen. Sind die Werte zu niedrig, spricht man von Anämie (Blutarmut) – Ursachen können Blutverlust, eine gestörte Neubildung im Knochenmark oder ein vermehrter Abbau sein. Zu hohe Werte entstehen meist durch Flüssigkeitsmangel (Austrocknung).
Weiße Blutkörperchen (Leukozyten) gehören zur Immunabwehr. Eine erhöhte Zahl (Leukozytose) kann unter anderem bei Entzündungen, Infektionen, Stress oder unter bestimmten Medikamenten auftreten. Eine erniedrigte Zahl (Leukopenie) ist ebenfalls unspezifisch und kommt zum Beispiel bei Verbrauch, Knochenmarkerkrankungen oder bestimmten Infektionen vor. Aufschlussreich ist das Differenzialblutbild: Es schlüsselt die Untergruppen – zum Beispiel neutrophile Granulozyten, Lymphozyten und eosinophile Granulozyten – einzeln auf. Auch daraus entsteht aber noch keine Diagnose ohne den übrigen Befund.
Blutplättchen (Thrombozyten) sorgen für die Blutgerinnung. Ein Mangel kann eine erhöhte Blutungsneigung verursachen und ist besonders vor Operationen relevant.
Die Blutchemie: Organwerte und Stoffwechsel
Die klinische Chemie (Blutchemie) misst gelöste Substanzen im Blutserum. Die Werte geben Hinweise auf Stoffwechsel und Organsysteme, messen deren Funktion aber nicht immer unmittelbar:
- Nierenbezogene Werte: Kreatinin, Harnstoff und SDMA (dazu unten mehr). Erhöhte harnpflichtige Stoffe heißen Azotämie. Sie kann prärenal, etwa durch Flüssigkeitsmangel, renal durch eine Nierenerkrankung oder postrenal durch eine Harnabflussstörung entstehen.
- Leberbezogene Werte: ALT ist vor allem ein Marker für Leberzellschädigung, AP kann unter anderem bei Enzyminduktion oder Cholestase ansteigen. Auch Bilirubin muss im Zusammenhang beurteilt werden. Diese Werte zeigen nicht allein, „wie gut die Leber arbeitet".
- Blutzucker (Glukose): dauerhaft erhöht bei Diabetes; bei Katzen kann Stress den Wert kurzfristig ansteigen lassen – hier hilft der Langzeitwert Fruktosamin.
- Eiweiße: Gesamteiweiß, Albumin und Globuline geben Hinweise auf Ernährungszustand, Leber, Nieren und Entzündungen.
- Elektrolyte: Natrium, Kalium, Kalzium und Phosphat. Verschiebungen können Herz, Muskeln und Nervensystem betreffen und sind etwa bei hormonellen Erkrankungen oder unter Infusionstherapie wichtig.
Je nach Fragestellung kommen Entzündungsmarker hinzu – beim Hund das CRP (C-reaktives Protein), bei der Katze das SAA (Serum-Amyloid A). Sie steigen bei akuten Entzündungen rasch an.
Warum SDMA die Nieren früher verrät
Ein Wert verdient besondere Erwähnung, weil er die Nierendiagnostik in den letzten Jahren verändert hat: SDMA (symmetrisches Dimethylarginin). SDMA ist ein Abbauprodukt, das über die Nieren ausgeschieden wird und deren Filterleistung widerspiegelt.
SDMA kann früher als Kreatinin ansteigen und wird deutlich weniger von der Muskelmasse beeinflusst. Nach Herstellerangaben war SDMA in untersuchten retrospektiven Kohorten teilweise bereits bei etwa 25 Prozent Verlust der Filtrationsleistung, im Mittel bei rund 40 Prozent erhöht. Die häufig genannten 17 Monate bei Katzen und 9,8 Monate bei Hunden stammen aus kleinen Herstellerkohorten und sind keine Vorhersage für das einzelne Tier.1 SDMA kann zudem auch durch nicht renale Faktoren beeinflusst werden und wird deshalb nie isoliert interpretiert.
Eine IRIS-Stadieneinteilung erfolgt erst, wenn eine chronische Nierenerkrankung bestätigt und das Tier klinisch stabil sowie ausreichend hydriert ist. Das Stadium richtet sich nach Kreatinin und/oder SDMA; Urin-Protein-Kreatinin-Quotient (UPC) und Blutdruck dienen anschließend der Substadieneinteilung.2
Die Urinuntersuchung gehört dazu
Bei den Nieren zeichnet ein Blutbefund allein nur ein halbes Bild. Erst die Urinuntersuchung vervollständigt es: Das spezifische Gewicht zeigt, wie stark der Harn konzentriert ist. Teststreifen, Sedimentuntersuchung und gegebenenfalls UPC liefern weitere Informationen zu Eiweiß, Zucker, Blut, Entzündungszellen und Kristallen. Die Ergebnisse können Hinweise auf Harnwegsinfekte, Kristallurie oder Diabetes geben; je nach Befund sind weitere Untersuchungen wie eine Urinkultur erforderlich.
Was ein Referenzwert bedeutet – und was nicht
Neben jedem Messwert steht ein Referenzbereich – die Spanne, in der die Werte gesunder Tiere üblicherweise liegen. Ein Wert knapp außerhalb ist nicht automatisch krankhaft, ein Wert innerhalb nicht automatisch unbedenklich. Entscheidend ist die Zusammenschau: Laborwerte werden stets gemeinsam mit Alter, Rasse, klinischer Untersuchung und den Beschwerden des Tieres beurteilt.
Besonders aussagekräftig ist der Verlauf: Ein einzelner Wert ist eine Momentaufnahme, erst der Vergleich mit früheren Messungen zeigt schleichende Veränderungen. Deshalb ist es wertvoll, Befunde über die Jahre in einer Akte zusammenzuführen.
Schnelle Ergebnisse, direkt im Termin
In unserem hauseigenen Labor bestimmen wir mit dem ProCyte One das Blutbild und mit dem Catalyst One klinisch-chemische Werte einschließlich SDMA. Der VetLab-UA-Analyzer liest dafür geeignete Urinteststreifen aus; das spezifische Gewicht wird mit einem Refraktometer gemessen, das Sediment separat untersucht und ein UPC je nach Fragestellung mit dem Catalyst One oder im Referenzlabor bestimmt.3 Viele Basiswerte können noch am selben Tag vorliegen und die weitere Entscheidung unterstützen. Hormonprofile, Erregernachweise und andere Spezialuntersuchungen benötigen gegebenenfalls ein externes Referenzlabor.
Kurz gesagt
- Eine Blutuntersuchung macht sichtbar, was von außen verborgen bleibt – oft, bevor ein Tier krank wirkt.
- Kein Wert steht für sich: Erst die Zusammenschau mit Alter, Untersuchung und Beschwerden ergibt ein Bild.
- Der Verlauf über die Jahre sagt oft mehr als eine einzelne Messung – deshalb lohnt es sich, Befunde zu sammeln.
- Ein Wert knapp außerhalb des Referenzbereichs ist noch keine Diagnose, ein Wert innerhalb keine Garantie.
Weitere Quellen:
- LABOKLIN: Der geriatrische Patient.
Quellen und Fußnoten
-
IDEXX: SDMA – Testinformationen und Herstellerdaten. Die Angaben zur früheren Erkennung stammen vom Testhersteller und werden im Text entsprechend eingeordnet. ↩
-
International Renal Interest Society: IRIS Staging System und IRIS Guidelines. ↩
-
IDEXX: VetLab-UA-Analyzer und UPC auf dem Catalyst One. ↩




