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Nierenerkrankungen bei Katzen frühzeitig erkennen

Nierenerkrankungen zählen zu den häufigsten Alterserkrankungen der Katze und bleiben lange unbemerkt, weil die Nieren Funktionsverluste lange ausgleichen. Eine frühe Diagnose ermöglicht rechtzeitige, individuell angepasste Maßnahmen.

Nierenerkrankungen bei Katzen frühzeitig erkennen

Die chronische Nierenerkrankung (CNE, im Englischen CKD) gehört zu den häufigsten Erkrankungen älterer Katzen. Sie entwickelt sich meist über Monate bis Jahre und kann lange ohne eindeutige Anzeichen bleiben. Wenn Beschwerden auffallen, ist häufig bereits ein großer Teil des Nierengewebes verloren — deshalb lohnt sich der frühe, genaue Blick.

Was die Nieren leisten – und warum ihr Verlust so schwer wiegt

Filtern ist nur eine ihrer Aufgaben. Ihre kleinste Funktionseinheit ist das Nephron (Nierenkörperchen mit zugehörigem Kanälchen); Hunderttausende davon arbeiten in jeder Niere zusammen. Sie übernehmen:

  • die Filtration des Blutes und die Ausscheidung wasserlöslicher Stoffwechselprodukte wie Harnstoff und Kreatinin
  • die Regulation von Wasser-, Salz- und Säurehaushalt (Elektrolyte wie Kalium und Phosphat)
  • die Mitsteuerung des Blutdrucks
  • die Bildung von Hormonen, unter anderem Erythropoetin, das die Produktion roter Blutkörperchen anregt

Bei der chronischen Nierenerkrankung gehen funktionsfähige Nephrone verloren. Die verbleibenden Nephrone können einen Teil des Ausfalls durch erhöhte Filtration kompensieren. Diese Anpassung kann zur weiteren Schädigung beitragen, bedeutet aber nicht, dass jede CKD zwangsläufig gleich schnell fortschreitet: Manche ältere Katzen bleiben über längere Zeit stabil, andere zeigen eine deutlichere Progression.1

Warum die Erkrankung so lange unbemerkt bleibt

Die Nieren besitzen eine große funktionelle Reserve. Kreatinin kann deshalb erst deutlich ansteigen, wenn die glomeruläre Filtrationsrate bereits erheblich vermindert ist; die oft genannte „75-Prozent-Regel" ist nur eine grobe klinische Vereinfachung. Urinkonzentration, SDMA, Proteinurie, Bildgebung oder andere Auffälligkeiten können früher Hinweise liefern. Auch vor einer Azotämie können unspezifische Veränderungen bestehen – „normales Verhalten" schließt eine frühe Erkrankung nicht aus.1

Frühe Warnsignale erkennen

Die ersten Anzeichen sind unspezifisch und werden leicht dem Alter zugeschrieben. Achten Sie besonders auf:

  • vermehrtes Trinken und Urinieren (Polydipsie und Polyurie): Die geschädigte Niere kann den Harn nicht mehr ausreichend konzentrieren, die Katze verliert mehr Wasser und gleicht das durch Trinken aus
  • allmählicher Gewichtsverlust und nachlassender Appetit
  • stumpfes, ungepflegtes Fell und vermehrter Rückzug

Erst später, wenn die Giftstoffe im Blut deutlich ansteigen, kommen ausgeprägtere Zeichen hinzu: Erbrechen, ein auffälliger, ammoniakartiger Mundgeruch (urämischer Foetor), Mundschleimhautgeschwüre sowie eine Blutarmut (Anämie), weil die kranke Niere zu wenig Erythropoetin bildet. Diese Spätzeichen zeigen an, dass die Erkrankung bereits weit fortgeschritten ist.

SDMA – der Wert, der früher reagiert

Lange war Kreatinin der wichtigste Blutwert zur Beurteilung der Niere. Es hat jedoch zwei Schwächen: Es steigt erst spät an, und es hängt von der Muskelmasse ab. Gerade ältere, abgemagerte Katzen haben oft wenig Muskulatur – ihr Kreatinin kann dann trotz Nierenschaden noch „normal" erscheinen und eine Erkrankung verschleiern.

SDMA (symmetrisches Dimethylarginin) wird deutlich weniger durch Muskelmasse beeinflusst als Kreatinin. Nach Herstellerangaben war es in retrospektiv untersuchten Tieren teilweise bereits bei etwa 25 Prozent Verlust der Filtrationsleistung und im Mittel bei rund 40 Prozent erhöht. Die häufig genannte durchschnittlich 17 Monate frühere Erhöhung bei Katzen stammt aus einer kleinen retrospektiven Herstellerkohorte und ist keine Vorhersage für die einzelne Katze.2 SDMA kann auch durch nicht renale Faktoren beeinflusst werden und ersetzt weder Kreatinin noch Urinuntersuchung, Blutdruckmessung und klinischen Befund.

Die IRIS-Stadien

Um Behandlung und Verlaufskontrolle zu vereinheitlichen, hat die International Renal Interest Society (IRIS) eine Stadieneinteilung entwickelt. Voraussetzung ist eine bereits bestätigte CKD bei einer klinisch stabilen, ausreichend hydrierten Katze. Erst dann erfolgt die Einstufung anhand von Kreatinin und/oder SDMA (Kreatinin in mg/dl, SDMA in µg/dl):3

  • Stadium 1 – Kreatinin unter 1,6; SDMA unter 18: Diese Werte allein beweisen keine CKD. Für Stadium 1 muss eine andere persistierende renale Auffälligkeit vorliegen, etwa unzureichende Harnkonzentration, renale Proteinurie, auffällige Bildgebung oder wiederholt erhöhtes SDMA.
  • Stadium 2 – Kreatinin 1,6–2,8; SDMA 18–25: leichte Nierenüberlastung, meist noch geringe Symptome
  • Stadium 3 – Kreatinin 2,9–5,0; SDMA 26–38: mittelgradig, häufig erste klinische Beschwerden
  • Stadium 4 – Kreatinin über 5,0; SDMA über 38: hochgradig, deutliche Krankheitszeichen

Zusätzlich wird jedes Stadium nach zwei Kriterien weiter unterteilt (Substaging):

  • Proteinurie anhand des UPC-Quotienten: unter 0,2 nicht proteinurisch, 0,2–0,4 grenzwertig, über 0,4 proteinurisch. Vor der Einordnung müssen prä- und postrenale Ursachen sowie ein aktives Urinsediment ausgeschlossen werden; ein grenzwertiger oder erhöhter Befund sollte auf Persistenz geprüft werden.
  • Systolischer Blutdruck: unter 140 mmHg normotensiv, 140–159 prähypertensiv, 160–179 hypertensiv und ab 180 schwer hypertensiv. Für die Therapie zählen wiederholte standardisierte Messungen und Hinweise auf Zielorganschäden.3

Diese Einteilung ist kein Selbstzweck: Von ihr hängen konkrete Behandlungsentscheidungen und der Kontrollrhythmus ab.

Wie wir eine Nierenerkrankung diagnostizieren

Eine belastbare Diagnose stützt sich immer auf mehrere Bausteine – ein einzelner Wert genügt nicht. In unserer Praxis untersuchen wir dazu:

  • Blut in unserem hauseigenen IDEXX-Labor: Blutbild (ProCyte One) sowie Blutchemie inklusive SDMA (Catalyst One) – wir bestimmen Kreatinin, Harnstoff, SDMA, Phosphat und Kalium. Die Ergebnisse liegen meist noch im selben Termin vor, sodass wir sie direkt mit Ihnen besprechen können.
  • Urin: Der VetLab-UA-Analyzer liest Urinteststreifen aus. Das spezifische Gewicht messen wir mit einem Refraktometer, das Sediment wird separat untersucht und der UPC-Quotient je nach Fragestellung mit dem Catalyst One oder im Referenzlabor bestimmt.4
  • Blutdruckmessung: Bluthochdruck ist eine häufige Begleiterkrankung der CNE und kann Augen (bis zur Netzhautablösung), Herz, Gehirn und die Nieren selbst schädigen. Er verläuft ohne Messung unbemerkt.
  • Ultraschall zur Beurteilung von Größe und Struktur der Nieren – bei uns in Zusammenarbeit mit Spezialisten in der Praxis. Bei Bedarf ergänzen wir Untersuchungen über ein externes Referenzlabor.

Alle Befunde halten wir in einer digitalen Patientenakte fest, sodass sich Verläufe über die Zeit sauber vergleichen lassen. Gerade bei einer chronischen Erkrankung ist diese Verlaufsbeobachtung oft aussagekräftiger als eine einzelne Momentaufnahme.

Was sich behandeln lässt

Die chronische Nierenerkrankung ist meist nicht heilbar. Verlauf und Beschwerden lassen sich jedoch häufig beeinflussen. Ziel ist, behandelbare Faktoren zu korrigieren und der Katze möglichst lange eine gute Lebensqualität zu erhalten. Je nach Stadium und Begleitbefunden kommen infrage:

  • Nierendiät mit reduziertem Phosphat und angepasstem, hochwertigem Eiweiß gehört zu den am besten belegten zentralen Maßnahmen. In einer randomisierten Studie traten bei 22 Katzen mit Nierendiät keine urämischen Krisen und keine renalen Todesfälle auf; unter 23 Katzen mit Erhaltungsfutter wurden sechs urämische Krisen und fünf renale Todesfälle dokumentiert.5 Eine ältere, nicht randomisierte Kohorte berichtete mediane Überlebenszeiten von 633 gegenüber 264 Tagen.6 Entscheidend bleibt, dass die Katze die Diät akzeptiert und ausreichend Energie und Nährstoffe aufnimmt.
  • Phosphatbinder, wenn die Diät allein das Blutphosphat nicht ausreichend senkt.
  • RAAS-Hemmer bei relevantem Eiweißverlust – etwa Benazepril (ACE-Hemmer) oder Telmisartan (Angiotensin-Rezeptor-Blocker) –, um die Niere zu entlasten.
  • Blutdrucksenker, bei der Katze bevorzugt Amlodipin.
  • Flüssigkeits- und Elektrolyttherapie bei einem entsprechenden Defizit. Subkutane Flüssigkeit ist keine automatische Maßnahme ab einem bestimmten Stadium, kann aber bei ausgewählten Katzen mit wiederkehrender oder anhaltender Dehydratation nach Anleitung sinnvoll sein.
  • Behandlung der Blutarmut, wenn der Erythropoetinmangel deutlich wird.

Welche Bausteine im Einzelfall sinnvoll sind, richtet sich nach dem IRIS-Stadium, der Proteinurie und dem Blutdruck – und wird regelmäßig angepasst.

Vorsorge: ab etwa sieben Jahren

Weil die Erkrankung lange ohne eindeutige Zeichen bleiben kann, sind Vorsorgeuntersuchungen bei älteren Katzen sinnvoll. Unsere Praxis empfiehlt ab etwa sieben Jahren einen jährlichen Gesundheitscheck mit bedarfsgerechter Blut- und Urinuntersuchung; Alter, Vorerkrankungen und individuelle Risiken können frühere oder kürzere Abstände begründen. Bei bestätigter CKD richten sich die Kontrollen nach Stadium, Blutdruck, Proteinurie, Therapie und Verlauf.

Quellen und Fußnoten

  1. MSD Veterinary Manual: Renal Dysfunction in Dogs and Cats; Sparkes A et al. (2016): ISFM Consensus Guidelines on Feline Chronic Kidney Disease. 2

  2. IDEXX: SDMA Testing for Cats and Dogs. Die Früherkennungsangaben stammen vom Testhersteller und werden im Text entsprechend eingeordnet.

  3. International Renal Interest Society: IRIS Staging System und IRIS Guidelines. 2

  4. IDEXX: VetLab-UA-Analyzer und UPC auf dem Catalyst One.

  5. Ross SJ et al. (2006): „Clinical evaluation of dietary modification for treatment of spontaneous chronic kidney disease in cats“. PubMed; IRIS: Diets for Cats with CKD.

  6. Elliott J et al. (2000): „Survival of cats with naturally occurring chronic renal failure“. PubMed.

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Kommentare (1)

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  • Ingrid M. · 20. November 2025

    Meine Katze Lotti ist 16 und trinkt seit einigen Wochen auffällig viel, dabei hat sie etwas abgenommen. Im Blutbild war das Kreatinin noch normal, aber der SDMA-Wert war leicht erhöht. Was bedeutet das genau – ist das schon schlimm? Und muss sie jetzt sofort auf Nierendiät umgestellt werden?

    Laura WichmannPraxisteam · 20. November 2025

    Danke für die genaue Schilderung – die Kombination aus vermehrtem Trinken, Gewichtsverlust und leicht erhöhtem SDMA bei noch normalem Kreatinin ist typisch für einen frühen Blick auf die Niere. Genau dafür ist SDMA da: Er reagiert oft früher als Kreatinin und hängt weniger von der Muskelmasse ab – gerade bei älteren, eher schlanken Katzen ein Vorteil, weil das Kreatinin dort trügerisch normal aussehen kann. „Leicht erhöht“ heißt aber nicht automatisch „weit fortgeschritten“. Sinnvoll ist jetzt eine Einordnung: Urin (wie gut konzentriert Lotti noch), eine Blutdruckmessung, Gewichtsverlauf und je nach Befund eine Kontrolle in einigen Wochen. Ob eine Nierendiät schon der richtige Schritt ist, hängt vom Stadium ab – manchmal steht am Anfang eher ein gutes Monitoring und ausreichende Flüssigkeitsaufnahme (Nassfutter, Trinkbrunnen) im Vordergrund. Am besten bringen Sie Lotti zu einer Kontrolle vorbei, dann besprechen wir das Vorgehen ganz konkret für sie.

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